Augmented Reality: Was kommt nach Pokémon GO?

18.1.2017 - Adrian Oggenfuss

Dank dem Block­buster Pokémon GO! ist Augmented Reality 2016 endlich im Main­stream ange­kommen. Aber ist es nur der Begriff der sich epide­misch verbrei­tete oder sind auch nach­hal­tige Use Cases damit verbunden?

Augmented Reality: Was kommt nach Pokémon GO? teaser

Der Begriff “Augmented Reality” (AR) hat sich, in einem zweiten Anlauf, durch das Massen­phä­nomen Pokémon GO! sicher­lich in unseren Köpfen fest­ge­setzt. Der erste Anlauf von AR, sich zu etablieren, liegt mit Google Glass schon einige Zeit zurück - und war bekannt­lich nicht von nach­hal­tigem Erfolg gekrönt.

Gemäss dem Hype Cycle 2016 von Gartner befindet sich AR kurz vor dem Errei­chen des Tief­punktes im “Tal der Enttäu­schungen”. Demge­gen­über hat die “Virtual Reality” diesen Punkt bereits durch­schritten und sollte sich heute im Aufwärts­trend befinden, auf dem “Pfad der Erleuch­tung”.

Gartner Hype Cycle

Ich habe mir die Frage gestellt: Stimmt die Posi­tio­nie­rung auf dem Hype Cycle mit der heutigen Realität überein? Bzw. wo stehen AR und VR? Für den Einstieg eine kurze Abgren­zung der Begriffe. AR umschreibt die Erwei­te­rung der realen Welt um virtu­elle Aspekte. Beispiel­haft: Bei Pokémon GO werden digi­tale Monster in die, durch die Kamera abge­bil­dete, reale Welt einge­fügt.

VR ist eine compu­ter­ge­ne­rierte, drei­di­men­sio­nale Welt, die versucht, der Realität möglichst nahe zu kommen. Beispiel­haft: Durch eine VR Brille (wie zB. Oculus Rift oder Google Card­board, um zwei bekannte Beispiele zu nennen) können wir digi­talen Content in 360° wahr­nehmen.

Und da wir gerade bei den Defi­ni­tionen sind möchte ich auch auf den Begriff “Mixed Reality” (MR) eingehen. MR umfasst das gesamte „Realitäts-​Virtualitäts-Kontinuum“ mit Ausnahme von nur Realität und nur Virtua­lität. Das heisst AR kann als Subka­te­gorie von MR verstanden Werden. VR Brillen (wie Oculus Rift oder HTC Vive), die nicht auf die Umwelt reagieren, sind demge­gen­über nicht Teil von MR. Neuere Geräte wie zB. Die Holo­Lens von Micro­soft oder das noch nicht veröf­fent­lichte Gerät des Star­tups Magic Leap, können als MR einge­stuft werden.

Nun möchte ich kurz auf Pokémon GO eingehen und ob mit der App wirk­lich ein Durch­bruch für Augmented Reality einher gegangen ist. Aus meiner Sicht beant­worte ich diese Frage mit einem “Nein”. Wieso?

Pokémon GO war von der Verbrei­tung her unbe­stritten ein riesiger Erfolg. Was war jedoch die Ursache, dass sich die App wie ein Lauf­feuer verbreitet hat? Meiner Meinung nach ist es einer­seits die bereits aussero­dent­liche Bekannt­heit der “Marke” Pokémon von Nintendo und die damit verbun­dene Nost­algie vieler Spieler, die Pokémon bereits aus der Vergan­gen­heit gekannt haben. Ande­rer­seits ist es die “Loca­tion Based” Kompo­nente von Niantic, mit den real exis­tie­renden Bezugs­punkten (wie zB. Brunnen, Plätze, Statuen usw), welche die Grund­lage für das Spiel bildete. Die eigent­liche AR Kompo­nente, nämlich das Erscheinen und Einfangen von Pokémon, spielte für den Erfolg meiner Meinung nach nur noch eine Neben­rolle. Die AR Kompo­nente konnte sogar in der App deak­ti­viert werden, was von sehr vielen Spie­lern auch gemacht wurde.

Um auf die eingangs gestellte Frage zurück zu kommen: Wo steht denn nun AR auf dem Hype Cycle? Bei Google Glass wurde immer auf die fehlende “Killer Appli­ka­tion” hinge­wiesen. Pokémon GO war diese jedoch offen­sicht­lich auch nicht. Um die Frage zu beant­worten habe ich etwas weiter recher­chiert, welche Use Cases zum aktu­ellen Zeit­punkt exis­tieren.

Comparis Immobilien-​App:
Die Comparis Immobilien-​App verfügt über ein AR-​Feature, in dem die verfüg­baren Immo­bi­lien ange­zeigt werden, wenn man sein Smart­phone auf ein Haus oder eine Strasse richtet. Einstu­fung: Witzig, aber defi­nitiv kein Must-​Have Feature.

Comparis Immobilien APP

IKEA App:
Mit der App für iOS und Android können Möbel­stücke mit AR in der eigenen Wohnung test­weise plat­ziert werden. Ich habe dies mit der iOS App getestet. Obwohl sie über eine kata­stro­phale Bewer­tung im App Store verfügt (1.5 Sterne) hat die Funk­tion Spass gemacht und mich gröss­ten­teils über­zeugt. Einstu­fung: Kein Must-​Have aber auch nicht total unnötig.

Ikea VR

Erstes Bild: Der Sessel steht erstaun­lich realis­tisch auf meinem Laptop.
Mitt­leres Bild: Die dunkel­braune Kommode ist das digi­tale Möbel­stück.
Drittes Bild: Den Bett­rahmen habe ich etwas verklei­nert. Steht aber realis­tisch da.

**Peak­finder: **
Die weit verbrei­tete Peak­finder App aus der Schweiz ist schon seit 2010 im App Store. Dazu­mals war AR noch über­haupt kein Thema. Die App zeigt von jedem belie­bigen Ort ein 360° Panorama mit den Namen aller Berge. Aus meiner Sicht wäre es schön, wenn die App ohne das Skiz­zierte Berg­pan­orama funk­tio­nieren würde. Also das eigent­liche Panorama über die Kamera sichtbar bleiben würde. Einstu­fung: Die Anzahl der Down­loads und die Bewer­tungen (4.5 Sterne) bei einem Preis von CHF 4.- spre­chen für sich. Sicher­lich ein nütz­li­cher Use Case.

Peakfinder VR

Google Tango:
Google Tango ist eine AR Platt­form, die für verschie­dene Use Cases einge­setzt werden kann. Das Detroit Insti­tute of Arts nutzt die Tech­no­logie für die Erwei­te­rung einer Ausstel­lung, durch digi­tale Infor­ma­tionen. Die Platt­form funk­tio­niert momentan jedoch nur mit zwei Smart­phone Typen, wovon eines noch nicht im Handel verfügbar ist. Einstu­fung: Aufgrund der Einschrän­kung durch die verfüg­baren Smart­phones noch ein sehr begrenzter Einsatz. Die Anwen­dung von AR im Museum Kontext erachte ich jedoch als sinn­voll und kann mir vorstellen, dass dies in Zukunft häufig anzu­treffen sein wird.

**Infi­niti: **
Der Auto­her­steller Infi­niti bietet poten­ti­ellen Kunden die Möglich­keit ihre Autos mit einer AR Anwen­dung in 3D zu betrachten. Für die Verwen­dung muss ein Marker ausge­druckt werden. In meinem Test habe ich den Marker auf einem iPad anzeigen lassen, was eben­falls gut funk­tio­niert hat. Einstu­fung: Das Anschauen und bear­beiten des 3D Modells funk­tio­niert auf einem Computer Bild­schirm ebenso gut. Die AR-App bietet in der bestehenden Form keinen Mehr­wert und ist in diesem Sinne eine Spie­lerei.

Infinity AR

**ETH Game Tech­no­logy Center: **
Die ETH arbeitet zusammen mit Disney Rese­arch an verschie­denen Apps, die sie unter dem Begriff “Augmented Crea­ti­vity” zusam­men­fassen. Darunter verstehen sie die Verschmel­zung von animierten, virtu­ellen Elementen mit der realen Umge­bung, um Fantasie und Krea­ti­vität zu beflü­geln. Ein konkreter Anwen­dungs­case ist ein Kinder­mal­buch, in dem die Zeich­nung durch die AR-App zum Leben erweckt werden kann. Einstu­fung: Die App ist noch im Prototyp Status und nicht öffent­lich verfügbar. Anwen­dungen dieser Art könnten aber in Zukunft, evt. Auch als Lern­hilfe, inter­es­sant sein.

Augumented Creativity

Bei meiner Recherche habe ich span­nende Ansätze entdeckt, jedoch kein Use Case in dem sich AR bereits etabliert hat. Inter­es­sant ist die Darstel­lung von ergän­zenden Infor­ma­tionen zu real exis­tie­renden Objekten. Dies zB ein Info Text oder Video als virtu­eller Guide in einem Museum oder bei einer Stadt­füh­rung. Im indus­tri­ellen Kontext können beim Verwenden einer AR Brille zB Repa­ra­tur­anlei­tungen für eine Maschine einge­blendet werden. Die NASA erwägt beispiels­weise, künftig mithilfe von AR-​Brillen Expe­ri­mente im All anzu­leiten.

Hinsicht­lich der Posi­tion von AR im Hype Cycle wäre meine Einschät­zung, dass die Talsohle erreicht ist oder wir zumin­dest kurz davor stehen. Als nächstes würde sich AR also auf den “Pfad der Erleuch­tung” begeben, wobei ein Verständnis für die Vorteile, die prak­ti­sche Umset­zung, aber auch für die Grenzen der neuen Tech­no­logie entsteht.

Somit bin ich gespannt welche ersten, produk­tiven Use Cases im 2017 bereits sichtbar werden. Natür­lich freue ich mich auch über Hinweise, wenn Sie eine span­nende Anwen­dung kennen.

In meinem nächsten Blog Eintrag werde ich näher auf den Begriff “Virtual Reality” eingehen, welcher gemäss Gartner bereits in der Aufschwungs­phase sein soll.

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