Better before cheaper


Nachdem er seinen Monolog beendet hatte fragte er mich: «Und was machst du so?» Ich antwortete ihm, dass ich für eine Mobile-Firma arbeite und dass wir unsere Apps zu 100% in der Schweiz programmieren. Unsere Unterhaltung war damit in eine Sackgasse geraten und wir suchten uns neue Gesprächspartner. Obwohl ich solchen Pauschalaussagen generell wenig Aufmerksamkeit schenke, ging mir die Aussage trotzdem nicht aus dem Kopf. Vielleicht hatte er ja Recht?

Drei Regeln zum Erfolg

Einige Tage später stiess ich per Zufall auf einen Artikel in der «Harvard Business Review» mit dem Titel «Three ruels for making a company truly great». Der Titel tönte zwar reisserisch, aber vielversprechend.

Die Autoren beginnen den Artikel mit der provokativen Aussage, dass der Grossteil aller Management-Bücher unbrauchbar sei. Der Grund dafür sei die menschliche Tendenz den Einfluss unserer eigenen Aktionen auf ein Ergebnis zu überschätzen. Denn meist ist es Zufall, ob wir die richtige Entscheidung treffen. Dieser Effekt nennt sich «Kontroll-Illusion». Wenn wir davon ausgehen, dass eine Firma die Wahl zwischen den zwei Varianten A und B hat (bzw. den linken oder den rechten Weg einzuschlagen) hat sie also eine Chance von 50% per Zufall die richtige Entscheidung zu treffen. 

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Die Chance, dass eine Firma fünf oder sogar zehn solcher wichtigen Entscheidungen in Folge per Zufall richtig trifft ist zwar klein, aber trotzdem vorhanden. Bei der Vielzahl existierender Firmen werden sich einige finden lassen, bei denen genau dieser Fall eingetreten ist. Und genau diese Firmen werden dann in Management-Büchern und Vorträgen als «Best Practices» vorgestellt, analysiert und zur Nachahmung empfohlen. Die Frage ist nur: Was sollen wir nachahmen, wenn der Erfolg durch eine Verkettung von Zufällen entstanden ist? Dazu ein Auszug aus dem Artikel: 
«Randomness can crown an average company king for a year, two years, even a decade, before performance reverts to the mean.»

Um per Zufall entstandenen «Best Practices» ausschliessen zu können, untersuchten die Autoren 25'000 an der US-Börse kotierten Unternehmen. Die Firmen analysierten sie hinsichtlich des erreichten ROA (Return on Assets), eine Kennzahl die eine starke, stabile Performance misst und widerspiegelt. Die Auswertung umfasste den Zeitraum von 1966 bis 2010 – also eine Dauer von 44 Jahren. 

Von den 25'000 untersuchten Firmen waren 174 über einen längeren Zeitraum unter den Top-Performern (Top 20%). Dies entspricht knapp 0.7% aller Unternehmen. Neben kleineren, weniger bekannten Unternehmen waren Firmen wie 3M, WD40, Mc Donalds und IBM unter diesen «Miracle Workers», wie sie die Autoren nennen. 

Anschliessend versuchten sie die Erfolgsfaktoren dieser 174 Unternehmen herauszufiltern. Welche Tätigkeiten und Kernbereiche sind bei diesen Top-Firmen ähnlich oder sogar gleich organisiert? Ist es der Kundenfokus? Die Innovation? Das kalkulierte Eingehen von Risiken? Jetzt wird es interessant: Die Autoren fanden keinen erkennbaren Zusammenhang!

Erst als sie die Analyse von den Tätigkeiten auf die Denkweise bzw. Kultur der Unternehmen richteten, zeigten sich Gemeinsamkeiten. 

„A useful explanatory frame began to emerge only after we shifted our emphasis away from what these companies did to hypotheses about how they thought.“

Daraus entstanden die 3 Regeln für eine erfolgreiche Firma

  1. Better before cheaper
  2. Revenue before cost
  3. There are no other rules

Was bedeutet nun aber «better»? Better meint in diesem Fall, dass der Wettbewerbsvorteil über etwas anderes als den Preis erreicht wird. Dies können Attribute wie die Marke, das Design, die Funktionalität, Haltbarkeit oder Convenience eines Produktes (bzw. einer Dienstleistung) sein. Es braucht keinen grossen Gedankensprung, um dabei auf Apple zu kommen. Apple hat seine Produkte seit der Einführung des iMac nie über einen attraktiveren Preis als die Konkurrenz zu positionieren versucht. Die Einführung des iPhone 5c ist allerdings ein Schritt in diese Richtung und somit auch weg von der Kernphilosophie «better before cheaper». 

Wir haben eine Zukunft

Als ich den Artikel fertig gelesen hatte, kam mir meine «Nearshoring-Bekanntschaft» wieder in den Sinn. Ohne über die Qualität der Entwicklung zu urteilen, steht bei diesem Geschäftsmodell sicherlich der Preis im Vordergrund. «Better before cheaper» bestätigte mir, dass die App-Branche in der Schweiz eine Zukunft hat, und dass wir als Unternehmen auf dem richtigen Weg sind – und uns hoffentlich auch irgendwann zu den 0.7% zählen dürfen.